Übersicht »BOOM – Grund zur Freude?
Artikel von Amvest |
24.08.10 10:00 |
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Freudige Nachrichten aus der Wirtschaft! Die Krise scheint für Deutschland überwunden. Schneller und stärker als selbst Optimisten vermuteten ist Deutschland an die Spitze der Weltwirtschaft zurückgekehrt und weiterhin ein Exportmeister, zwar abgeschlagen von China, aber immer noch weit vorne mit dabei. Mann spricht von AUFSCHWUNG und hier und da hörte man sogar das Wort „BOOM“. Wirkliche Euphorie will sich aber in der breiten Bevölkerung trotzdem nicht richtig einstellen. Vielleicht auch, weil bei den Arbeitnehmern von den steigenden Absatzzahlen nichts ankommt oder aber, weil wir uns als Exporteure nun zwar von den USA gelöst haben, aber nun von einem neuen „großen Bruder“ abhängig sind?

VW und SMA stellen wieder ein. In der ganzen Region sind noch Ausbildungsstellen frei. Die Arbeitslosenquote im Regierungsbezirk Kassel liegt aktuell bei 6,2 Prozent. Circa einen Prozentpunkt unter dem Bundesdeutschen Durchschnitt! Das sind alles gute Nachrichten. In Zeitungen und Nachrichtenmagazinen wird diskutiert ob die steigenden Absatzzahlen nun Grund zur Freude sind, schlechte Tatsachen beschönigen oder sonst einen Haken haben. Klar ist erstmal: die meisten Neueinstellungen werden aktuell über Zeitarbeitsfirmen getätigt. Das ist für die Arbeitgeber praktisch, aber für die meisten Arbeitnehmer ein großer Nachteil. Sie gelten bei den immer noch vorsichtigen Banken als nicht kreditwürdig und können kaum planen, da sich ihre Bezahlung und ihre Einsatzorte ständig ändern können. Außerdem sind die meisten dieser Neueinstellungen (zunächst) zeitlich begrenzt. Daher bleibt an dieser Stelle die Euphorie eher verhalten.

Gleichzeitig fallen diese Zeitarbeitsjobs auch aus den (meisten) Tarifverträgen raus. Da nützt es wenig, dass die Gewerkschaften über höhere Löhne verhandeln. Dass die Löhne trotzdem flächendeckend erhöht werden sollten, ist aber, nach einem Jahr des Verzichts, durch Kurzarbeit und Lohnkürzungen, nicht nur moralisch eine Pflicht sondern volkswirtschaftlich sinnvoll. Denn bisher steigt „nur“ der Export. Wir verkaufen Luxuswagen und anderen Technikschnickschnak in die „Volksrepublik“ China, die momentan unser größter Abnehmer ist. Aber auch die Blase des Wirtschaftsmotors China wird (so behaupten Wirtschaftsexperten) bald platzen. Dann steht Deutschland wieder da wie vorher. Ohne Abnehmer, mit zu vielen Autos und zu vielen Arbeitnehmern in einer sterbenden Branche. Auch hier wieder eigentlich kein echter Grund zur Euphorie.

Wirtschaftsexperten drängen dazu die Löhne flächendeckend zu erhöhen, wieder über Mindestlöhne nachzudenken um so die Binnenmärkte wieder zu stärken. Denn erst wenn wir uns wirtschaftlich wieder weniger abhängig machen können, von welchem Großabnehmer auch immer, haben wir wirklichen Grund uns über unseren Aufschwung zu freuen. Erst wenn auch der Arbeitnehmer wieder mehr Geld zum konsumieren in der Tasche hat (und das auch ausgibt) können wir tatsächlich von einem „BOOM“ sprechen.
Eine interessante Randnotiz: Der Professor für experimentelle Ökonomie Armin Falk hat rausgefunden, dass das Bild vom egoistischen, geldscheffelnden, kalt abwägenden „homo öconomicus“ nicht stimmt. So sind Angestellte wesentlich motivierter und produktiver, wenn sie Verantwortung übernehmen und nicht zu stark kontrolliert werden. Auch das Gefühl fair behandelt zu werden (eben auch in der Bezahlung) hat viel mit dem Einsatz für und in der Firma zu tun.

Text: Marie-Christin Spitznagel
Fotos: pixelio.de (n.h.)
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